| Deutsch-Türkische Biographien - Leben in einem multikulturellen Deutschland |
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Ein Projekt des Ost-West-Forums Gut Gödelitz e.V. Circa 2,9 Millionen Zuwanderer stammen aus der Türkei bzw. haben türkische Wurzeln. Damit bilden die türkischen Zuwanderer die größte Gruppe unter den insgesamt 15 Millionen in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund. Politiker auf Bundes-, Länder-, und Kommunalebene sowie aktive Menschen im zivilgesellschaftlichen Bereich setzen sich in zahlreichen Initiativen für eine gelungene Integrationspolitik ein. Unter einer gelungenen Integration verstehen wir, dass sich Zuwanderer als anerkannter, gleichberechtigter und willkommener Teil der deutschen Gesellschaft fühlen. Dazu gehört umgekehrt auch, dass Zuwanderer der Aufnahmegesellschaft gegenüber offen sind und aktiv auf ihre Mitmenschen ohne Migrationshintergrund zugehen. Ein wichtiger Schritt einer gelungenen Integration ist, dass die berufliche Qualifikation der Zuwanderer verbessert und ihr Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert wird. Dieser Aspekt reicht aber allein nicht aus, dass sich Zuwanderer in Deutschland anerkannt und willkommen fühlen. Bei einer im März 2009 durch das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführten Studie zeigte sich, dass sich 68 % der Türkischstämmigen schon einmal aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert fühlten - wenn auch der Anteil der tatsächlich erlebten Benachteiligung im Beruf oder in der Schule weit darunter liegt. 71 % der Türkischstämmigen sind außerdem der Meinung, dass Deutsche gegenüber Zuwanderern eher zurückhaltend sind. In einer anderen bevölkerungsrepräsentativen Studie gaben 76 Prozent der befragten Deutschen an, dass sie der Meinung seien, Türken hätten eine „ganz andere Kultur“. Meist scheint es bei dieser Feststellung zu bleiben; die Auseinandersetzung mit der anderen Kultur beschränkt sich auf die immer wiederkehrenden Debatten um Ausländerkriminalität, Schulversagen oder das Tragen eines Kopftuches in öffentlichen Einrichtungen. Ein ernsthafter und intensiver Austausch zwischen den Gruppen der Türkeistämmigen und der Deutschen kann helfen, diese Kluft zu überbrücken und einen Dialog zu ermöglichen. Diesen Beitrag leistet das ost-west-forum durch sein Projekt „Deutsch-Türkische Biografiegespräche – interkulturelle Annäherung über individuelle Lebenswege“. Ziel unseres Projektes ist es, Brücken zwischen in Deutschland lebenden türkeistämmigen Menschen und Deutschen ohne Migrationshintergrund zu bilden. II. Die deutsch-deutschen Biographierunden - Das Gödelitzer Modell „Die Deutsch-Türkischen Biografien“ wenden das seit Jahren erfolgreich erprobte „Gödelitzer Modell“ an: Bereits seit 18 Jahren lädt das ost-west-forum monatlich zehn Personen zu Ost-West-Biografiegesprächen ein, um Menschen aus den alten und neuen Bundesländern näher zueinander zu bringen und ihr Verständnis für den jeweilig anderen zu vertiefen. Die Idee dieser Gesprächsrunden stammt von Wolfgang Thierse und Professor Peter von Oertzen. Beide warben kurz nach der Wende öffentlich dafür, dass Menschen aus beiden Teilen Deutschlands sich zusammensetzen und sich ihre Biografien erzählen. Nur so könne die erst nach der Wende entdeckte Fremdheit zwischen Ost und West abgebaut werden. Das Gödelitzer Modell der Deutsch-Türkischen Biografien soll durch die Schilderungen der individuellen Lebenswege und persönlichen Erfahrungen das Wissen voneinander vertiefen und dadurch Vorurteile abbauen. Die deutschen Teilnehmer entwickeln gegenüber Zuwanderern und ihren Lebensumständen eine größere Sensibilität, die Türkeistämmigen wiederum gewinnen über diesen umfassenden Austausch Einblicke in das Leben und die Erfahrungen von Deutschen ohne Migrationshintergrund aus einer sehr persönlichen Perspektive heraus. Anders als bei den Ost-West Biografien, die immer auf Gut Gödelitz stattfinden, planen wir die Deutsch-Türkischen Biografien bundesweit anzubieten, um so eine möglichst großes und weitgreifendes Netzwerk zur Unterstützung des interkulturellen Dialogs zwischen türkischen Zuwanderern und Deutschen ohne Migrationshintergrund zu schaffen. III. Deutsch-Türkische Biographien – erste Erfahrungen Nach einer intensiven Vorbereitungsphase konnten wir im Oktober 2009 an zwei Wochenenden die ersten beiden deutsch-türkischen Gesprächsrunden in Gödelitz durchführen. Beide Pilotseminare waren auf eine bemerkenswerte Weise beeindruckend und nachhaltig. Die anfängliche Zurückhaltung war schnell verschwunden, stattdessen entwickelte sich Sympathie und Vertrauen innerhalb der Gruppe. Das biografische Erzählen ermöglicht durch den Einblick in den Lebensweg eines anderen Menschen ein tiefes Verständnis seiner Person: zu hören, was er erlebt hat , sagt viel darüber aus, was ihn geprägt hat und bietet Erklärungsansätze warum ein Mensch ist, wie er ist. Jede Biografie ist einzigartig, bei einer deutsch-türkischen Zusammensetzung der Runde kommt jedoch als zusätzliches Element noch die türkische kulturelle Prägung und die Erfahrung der Migration von der Türkei nach Deutschland - welche die türkeistämmigen Teilnehmer entweder selbst gemacht haben oder die sie als Erfahrung ihrer Eltern mitgeprägt hat – hinzu. Diese Migrationserfahrung spiegelt sich in den Kindheitserinnerungen derer wieder, die von ihren Eltern, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, früh aus ihrer Heimat gerissen wurden und in der Fremde landeten, ohne auch nur ein Wort der deutschen Sprache zu sprechen. Die die Erfahrung machten, in der Schule isoliert zu sitzen, nicht dazugehörten und sich durchkämpfen mussten, weil sie weder auf die Unterstützung der Lehrer, noch die Unterstützung der Eltern zählen konnten. Die als Familie in engsten Wohnverhältnissen lebten, weil alles Verdiente gespart werden sollte für die Rückkehr oder die Immobilie für das Alter. Die Distanz und Ablehnung durch die Mehrheitsgesellschaft erfuhren und sich umso mehr der Bedeutung der eigenen Familie bewusst waren. Und letztendlich einen Weg gefunden haben, in ihrer Identität die deutsche und die türkische Kultur zu vereinbaren, das Positive aus beiden kulturellen Prägungen zu ziehen. Die Migration verursachte zuweilen aber auch gravierende Spannungen innerhalb der Familie. Einige der türkeistämmigen Teilnehmer mussten die Erfahrung machen, dass ein eigenständiges Leben oder deutsche Partner/innen zum Konflikt mit der eigenen Familie und deren traditionellen Werten führte. Gelöst wurden diese Konflikte auf sehr unterschiedliche Wege – teils mit einem Konsens innerhalb der Familie, teils mit einer Abwendung von ihr. Wie sehr sich die unterschiedlichen Migrationsgründe auf die Erfahrungen in Deutschland auswirken, zeigte sich wiederum an anderen Teilnehmern, die aus politischen Gründen oder zum Studium nach Deutschland gekommen waren. Sicherlich kann man das Gefühl, „fremd“ zu sein, auch im eigenen Land haben. Gerade viele ostdeutsche Biografien sind geprägt von dem Gefühl der Entfremdung nach dem Fall der Mauer und der Herausforderung, sich in einem völlig neuen System zu recht zu finden. Dieses Gefühl konnten türkeistämmige Teilnehmer gut nachvollziehen und gerade deshalb war die Begegnung mit ostdeutschen Teilnehmern und ihren Biografien für viele türkeistämmige Teilnehmer eine neue, wichtige Erfahrung. Für viele der türkischen Teilnehmer war es ebenso wichtig zu erfahren, wie schwierig teilweise die Kindheiten der ost- und westdeutschen Teilnehmer aus der Nachkriegsgeneration verlaufen waren: Ebenso geprägt von Verlust, Armut und Gewalt, wie es bei einigen von ihnen in der eigenen Kindheit gewesen war. Die beiden gelungenen Pilotveranstaltungen waren ein entscheidender Schritt unseres Projektes. Durch die einhellig positiven Reaktionen der Teilnehmer bestätigte sich unsere Annahme, dass die Biografiegespräche eine geeignete Methode sind, um Toleranz und Verständnis füreinander zu entwickeln. IV. Weitere Veranstaltungen und künftige Planung Unmittelbar nach den Pilotveranstaltungen begannen wir mit den Planungen, um die Biografiegespräche in der ganzen Bundesrepublik anbieten zu können. Einige Teilnehmer der Pilotveranstaltungen erklärten sich bereit, in ihren Heimatstädten Deutsch-Türkische Biografieveranstaltungen zu moderieren. Im Januar 2010 fand in Saarbrücken die erste Biografieveranstaltung außerhalb von Gödelitz statt. Im März folgte eine weitere Biografienrunde in Berlin. In Berlin und Saarbrücken werden von nun an regelmäßig Biografieveranstaltungen stattfinden. Außerdem wird im Herbst 2010 die erste Deutsch-Türkische Biografierunde in Konstanz stattfinden. Um die Standorte in der Bundesrepublik ausdehnen zu können, ist es nun notwendig, weitere Moderatoren auszubilden. Ab Sommer 2011 werden regelmäßig auf Gut Gödelitz Moderatorenschulungen stattfinden. Im Gegensatz zu den durch das Bundeskanzleramt geförderten Piloteveranstaltungen fanden die Gesprächsrunden in Berlin und Saarbrücken aus Kostengründen ohne Übernachtungen statt. Auch durch die in Berlin und Saarbrücken geführten Biografiegespräche erreichten wir, dass die Teilnehmer bisher unbekannte und nicht wahrgenommene Einblicke in die jeweils andere Gesellschaft gewannen und so über neue Sichtperspektiven zu reflektieren begannen. Im Vergleich zu den Pilotveranstaltungen fehlten jedoch die zwanglosen Gespräche in den Freizeitphasen, um über die intensiven Biografiegespräche reflektieren zu können. Ein Grund dafür war bei den Seminaren ohne Übernachtung der fehlende Abstand zum Alltag. Sobald unsere Bemühungen um eine finanzielle Förderung erfolgreich sind, werden wir unsere Veranstaltungen wieder in einem Gästehaus und mit Übernachtung durchführen. Sollten Sie Interesse an unserem Projekt und/oder an einer Teilnahme an den Deutsch-Türkischen Biografiegesprächen haben, dann melden sie sich bitte unter: oder unter: 030-31 567 304 |

