| Biografien – Leben und Gelebtes im geteilten und vereinten Deutschland |
Jeden Monat lädt das ost-west-forum zehn Teilnehmer einer neuen Biografie-Runde ein. Die Idee stammt von Wolfgang Thierse und Professor Dr. Peter von Oertzen. Beide warben kurz nach der Wende öffentlich dafür, dass Menschen aus beiden Teilen Deutschlands sich zusammensetzen und sich ihre Biografien erzählen. Nur so könne die erst nach der Wende entdeckte Fremdheit zwischen Ost und West abgebaut werden. Denn tatsächlich glaubten viele Menschen vor der Vereinigung, die Deutschen seien eben Deutsche – außer politisch-administrativen, technischen oder wirtschaftlichen Problemen gäbe es zwischen den Menschen in Ost und West keinerlei Hindernisse, die zu überwinden wären.Nun, wir wurden sehr schnell eines Besseren belehrt. Unsere Lebenswege, eingebettet in die unterschiedlichen Gesellschaftssysteme, haben uns stärker geprägt als uns bewusst war. In der allgemeinen Euphorie der Wendezeit hatten Ost- und Westdeutsche sehr unterschiedliche Erwartungen. Mittlerweile ist Ernüchterung, Enttäuschung, Ablehnung und Rückzug fester Bestandteil der innerdeutschen Gefühlslage. Vor allem in Ostdeutschland haben sich Verletzungen - durch eine Vielzahl unüberlegter, ungerechter und unsensibler Entscheidungen verursacht - tief eingegraben. Die Kluft zwischen Ost und West ist heute eher tiefer und breiter geworden. Nur: Dies ist meist kein öffentliches Thema mehr, es wird eher beschwiegen oder mit dünnen Nostalgie-Shows ins Lächerliche und Oberflächliche gezogen. Die Zusammensetzung der Runde ist das Ergebnis einer über zehnjährigen Erfahrung: Zum einen sind es Menschen, die vom Typ her Tagebuchschreiber sind, die eine gewisse Nachdenklichkeit auszeichnet. Die Hälfte kommt aus dem Osten, die andere Hälfte aus dem Westen. Frauen und Männer sollten ebenfalls gleich vertreten sein. Wir achten auf unterschiedliche Berufe, unterschiedliche Altersgruppen und unterschiedliche politische Sichten. Diese Vielfalt erzeugt ein positives Spannungsverhältnis, das die Gruppe von Freitagabend bis Sonntagmittag trägt. Mit dem Wochenende sind verschiedene Ziele verbunden:Wir wollen das Wissen voneinander vertiefen und dadurch auch Vorurteile abbauen. Wir wollen Toleranz einüben und uns darüber klar werden, dass es nicht nur eine Wahrheit – nämlich die unsere – gibt. Und wir wollen wieder einmal lernen, genau zuzuhören – was jemand sagt und was er meint. Um dies zu erreichen, gibt es eine eherne Regel: Die Biografien werden angehört und bleiben unkommentiert stehen. Keine Diskussion über Gut oder Böse, Richtig oder Falsch. Nur Verständnisfragen sind zugelassen. Jeder kann also seine Erinnerungen einbringen, ohne sich nachträglich verbiegen zu müssen. Möglichst unverfälscht – aus dem Kontext seines damaligen Denkens und Handelns heraus. Am Ende der Gesprächsrunde – am Sonntagmorgen – werden wir uns dann noch in freier Diskussion mit Gegenwart und Zukunft beschäftigen: Was sind die vor uns liegenden Probleme, die wir gemeinsam – Ost und West – zu gewärtigen haben? Und: Was können wir tun, um Demokratie, Rechtsstaat und inneren Frieden unserer Gesellschaft zu bewahren? Die Teilnahme erfolgt auf Einladung. Je nach Teilnehmerzahl falles Kosten zwischen 160 und 200 Euro an. Reisekosten können leider nicht erstattet werden. Eindrücke:Die Erfahrungen, welche die Teilnehmer durch die Biographie-Runden machen sind außergewöhnlich. Selten entwickelt sich so schnell ein Vertrauensverhältnis zwischen Menschen, die sich bislang fremd waren, wie an diesen Wochenenden in Gödelitz. An dieser Stelle geben wir Teilnehmern die Möglichkeit, ihre Eindrücke, Gedanken und Reflexionen zu den Biographiegesprächen mitzuteilen. Biographie-Wochenende 27. - 29. November 2009 FeedbackWann begegnen sich Menschen? Wenn sie sich öffnen, wenn sie vertrauen und unerschrocken ihre Sicht auf Gelebtes und Zukünftiges sagen können. So im Ansatz geschehen beim Ost West Forum - Bürger aus Ost und West erzählen sich Teile aus ihrem Leben. Ein Erzählen, eigens Reflektieren ohne gleich bewertend erschlagen zu werden. Ich habe immer mal gezögert, was will ich erzählen, was sollen die Anderen wissen. Und dann war irgendwann der Verstand, die innere Kontrolle weg - geschützt durch eine tolle Moderation(Danke Axel) und Regeln, die keine Bewertung gestatteten. Natürlich war schon Distanz zum eigenen gelebten Leben da, jedoch die Rechtfertigung das sich Erklären wurde weniger und dies tat einfach nur gut. Ich habe einiges an mir wieder entdeckt und interessante Menschen erlebt. Mich haben die Biografien aus dem Westen sehr interessiert - und es ist ein Gewinn politische Ereignisse unter anderen Blickwinkeln zu betrachten. Das Ost West Forum soll unbedingt bekannter werden. Danke und weiter gute Geschichtenerzähler auf dem Gut Gödelitz. Ich werbe schon. Annekatrin Michler / 8.12.09 Biographie-Wochenende 6. – 8. November 2009 Gödelitz – Novemberforum 09 BiographienAm Vorabend des denkwürdigen 9. Novembers, zwanzig Jahre nach den Ereignissen, die jeden von uns mit sehr unterschiedlichen Folgen in eine neue Welt entließen, trafen auf dem Gut Gödelitz neun Personen aufeinander.Fünf aus dem Osten, vier aus dem Westen. Die Zeiten von Ost und West wie die vergangenen zwei Jahrzehnte haben ihre Biographien nicht unberührt gelassen. Einige wurden sogar heftig durcheinander gewirbelt. Neun Biographien, für die das Jahr 1989 viele unterschiedliche Bedeutungen hatte – wie kann ich meine Eindrücke in wenige Worten fassen ? Fünf aus dem Osten,: - Regina, die vor 1989 darunter litt, daß die bedrückende DDR ihr eine Welt vorenthielt, die ihr nun offen stand - Christian, der mit Spitzfindigkeit und Humor dem geistigen wie wirtschaftlichen Mangel begegnete und 1989 als große Befreiung erlebte - Regine, die der DDR eine Karriere als Sportlerin und im Beruf verdankte und die erkennen mußte, daß die Zeit nach 1989 für viele nicht hielt, was sie versprach - Romy, deren private Turbulenzen in den unsicheren Zeiten um 1989 sich mit ihrem Aufbruch in den Westen mischten, ohne dem Osten untreu zu werden - Wolfgang, der in seinem Beruf trotz der manchmal bedrückenden Last vor 1989 und der Unsicherheiten danach, ungebrochen für die Verbesserung sozialer Verhältnisse eintritt Vier aus dem Westen: - Axel, bei dem sich die Bürden von Organisation, Kosten und Erfolgszwängen mischen mit dem Glück über die wieder erworbene Heimat, mit dem Erfolg des Ost-West-Forums und der politischen Veranstaltungen auf dem Gut Gödelitz - Sibylle, in deren Leben die Ereignisse von 1989 weniger Spuren hinterlassen haben als bei anderen, die aber das Jahr 1989 als große Bereicherung erlebte - Bernd, für den mit der DDR auf der einen und der BRD auf der anderen Seite ein geordnetes Weltbild über Nacht verschwand und der sich beruflich neu orientierte - Jens, dessen Westberliner Horizont aufgelöst und um das untergegangene Staats- und Gesellschaftsgebilde DDR erweitert wurde Ein kleiner Raum war der Ort, wo wir für das Wochenende vom 6. bis zum 8. November einen runden Tisch bildeten, ohne an einem wirklichen Tisch zu sitzen. Neugier wecken, aussprechen, ausreden und zuhören: das war das Geheimnis, das Erheiterndes, Ernstes und Bewegendes zu Tage förderte. Wie privates Leben und Politik ineinander greifen, wie persönliche Beziehungen und Welterfahrungen zu einander stehen, konnten auch die Skeptiker unter uns erkennen. Was als Ost-West-Forum ins Leben gerufen wurde, nahm bei uns gelegentlich die Gestalt eines West-West- bzw. eines Ost-Ost-Forums an. Einigkeit bestand, daß nur Handeln - auch im Kleinen - die Verhältnisse ändert. „Sich die Erfahrungen anderer zu eigen machen“ könnte ein Fazit des Wochenendes auf Gut Gödelitz lauten. Jens-Peter Behrend / 14.11.09 |


Jeden Monat lädt das ost-west-forum zehn Teilnehmer einer neuen Biografie-Runde ein. Die Idee stammt von Wolfgang Thierse und Professor Dr. Peter von Oertzen. Beide warben kurz nach der Wende öffentlich dafür, dass Menschen aus beiden Teilen Deutschlands sich zusammensetzen und sich ihre Biografien erzählen. Nur so könne die erst nach der Wende entdeckte Fremdheit zwischen Ost und West abgebaut werden. Denn tatsächlich glaubten viele Menschen vor der Vereinigung, die Deutschen seien eben Deutsche – außer politisch-administrativen, technischen oder wirtschaftlichen Problemen gäbe es zwischen den Menschen in Ost und West keinerlei Hindernisse, die zu überwinden wären.